Podien und Foren
Soziale Rahmen des Reformprozesses
Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, Wissenschaftlicher Leiter des BAT Freizeit-Forschungsinstituts
Gesellschaft und Politik werden sich in den nächsten Jahren auf sozioökonomische Probleme wie seit über dreißig Jahren nicht mehr einstellen müssen. Die Massenarbeitslosigkeit über Jahrzehnte hinweg hat tiefe Spuren hinterlassen und zwingt zu einer Neudefinition von sozialer Daseinsvorsorge. Der politische Handlungsbedarf wird sich in Zukunft neben der Sicherung der Renten und der Gesundheitsvorsorge auf die Lösung wachsender sozialer Konflikte konzentrieren müssen. Gewalt in jeder Form muss dann verhindert werden. Hinzu kommen Existenzängste der Bevölkerung, die um ihren Lebensstandard bangt und das Gefühl hat, sich den heutigen Wohlstand bald nicht mehr leisten zu können.
In vielen westlichen Ländern stellt sich derzeit die Lebensqualitätsfrage neu: Eine Verschiebung vom Nur-Haben-Wollen zum Nicht-Verlieren-Wollen zeichnet sich ab. Niemand will zu spät kommen oder vom Leben bestraft werden, also am Ende zu den Verlierern gehören. Der zwischenmenschliche Umgang wird rauer.
Politik und Wirtschaft in Deutschland stehen vor neuen Herausforderungen. Sie werden mit einem wachsenden Unzufriedenheitsdilemma der Bundesbürger konfrontiert. Objektiv geht es den Deutschen besser: Die Wirtschaft wächst, die Konjunkturstimmung steigt, die Arbeitslosenzahlen sinken. Subjektiv aber fühlen sich die Bundesbürger immer schlechter. Der Anteil der Deutschen, die glauben, die Lebensqualität in Deutschland sei geringer geworden, nimmt kontinuierlich zu (1992: 31% - 2002: 33% - 2006: 36%). Das Lager der "gefühlten" Wohlstandsverlierer wird stetig größer.
Was folgt daraus für die Entwicklung der nächsten Jahre? Wie sieht der soziale Rahmen des notwendigen Reformprozesses aus? Und welche Zukunftstrends zeichnen sich bereits heute ab?
Zukunftstrend 1: Die Globalisierung der Arbeitswelt
Zukunftstrend 2: Die Dominanz der Dienstleistung
Zukunftstrend 3: Die Lust an der Leistung
Zukunftstrend 4: Die Mediatisierung des Lebens
Zukunftstrend 5: Die Kinderlosigkeit
Zukunftstrend 6: Die Zuwanderung
Zukunftstrend 7: Die Überalterung
Zukunftstrend 8: Die Gesundheitsorientierung
Zukunftstrend 9: Die Rückkehr der Verantwortung
Zukunftstrend 10: Die Sinnsuche
Die demografische Entwicklung wirkt sich nachhaltig auf die Einstellung zur Lebensqualität aus. Während Arbeit und Konsum im Laufe des Lebens an Prestigewert einbüßen, gewinnt insbesondere die Religion mit zunehmendem Alter an Bedeutung. Für die Generation "65plus" ist Religion (56%) fast so wichtig wie das Geld (58%) und lässt verständlicherweise auch Arbeit und Beruf (52%) in den Hintergrund treten. Die Institution Kirche mag in Deutschland Nachwuchsprobleme haben, die Religion als Lebensgefühl wird immer wichtiger.
Dabei ist die Frage eher zweitrangig, ob es gelingt, die derzeit vier Prozent sonntäglichen Gottesdienstbesucher auf zehn oder mehr Prozent zu steigern. Die Quote kann die Qualität ohnehin nicht ersetzen. Vielleicht sind ja auch die Weichen falsch gestellt, weil der sonntägliche Vormittagsgottesdienst mit der Sonntagsplanung und -gestaltung der Menschen immer weniger vereinbar ist.
Nachweislich gibt es den größten Bedarf für Meditation und Andacht, für innere Sammlung und Zur-Ruhe-Kommen nicht am frühen Morgen, sondern zur Zeit der so genannten Sonntagabend-Krise - am Spätnachmittag von 17.00 bis 19.00 Uhr: Der Montag droht als Damoklesschwert: Jetzt will man zur Ruhe kommen und in Ruhe gelassen werden - auch von der eigenen Familie. Das wäre das ideale und beinahe konkurrenzlose Zeitfenster für Gottesdienstbesuche. Dies erklärt auch die wachsende Attraktivität von Anbietern so genannter "kleiner Transzendenzen" - von Wellnessangeboten bis zu Meditationskursen.
Neben der Familienorientierung wird die Zeit bis zum Jahre 2020 zunehmend der Sinnorientierung gehören - realisiert in der Formel: Von der Flucht in die Sinne zur Suche nach dem Sinn. Die Sinnorientierung wird zur wichtigsten Ressource der Zukunft und zu einer großen Herausforderung der Wirtschaft werden. Denn mit jedem neuen Konsumangebot muss zugleich die Sinnfrage "Wofür das alles?" beantwortet werden. Zukunftsmärkte werden immer auch Sinnmärkte sein - bezogen auf Gesundheit und Natur, Kultur, Bildung und Religion. Letztlich geht es um Lebensqualität. Wertebotschaften statt Werbebotschaften heißt dann die Forderung der Verbraucher, die sich auch als eine Generation von Sinnsuchern versteht. Von Konsumverzicht will sie wenig wissen, dafür umso mehr von der Werthaltigkeit des Konsums. Und das heißt: Lebensqualität.
So bleibt für jeden Einzelnen nur noch eine Zukunftsfrage offen: Wie will ich eigentlich leben? Wer persönliches Wohlbefinden (und nicht nur materiellen Wohlstand) erreichen will, sollte - neben den christlichen Geboten natürlich - die folgenden 10 Anleitungen und Gebote für ein gelingendes Leben im 21. Jahrhundert beherzigen:
1. Bleib nicht dauernd dran; schalt doch mal ab. Entdecke die Hängematte wieder.
2. Versuche nicht, permanent deinen Lebensstandard zu verbessern oder ihn gar mit Lebensqualität zu verwechseln.
3. Mach die Familie zur Konstante deines Lebens und ermutige Kinder zu dauerhaften Bindungen.
4. Knüpf dir ein verlässliches soziales Netz, damit dich Freunde und Nachbarn als soziale Konvois ein Leben lang begleiten können.
5. Definiere deinen Lebenssinn neu: Leben ist die Lust zu schaffen.
6. Genieße nach Maß, damit du länger genießen kannst.
7. Mach nicht alle deine Träume wahr; heb dir noch unerfüllte Wünsche auf.
8. Du allein kannst es, aber du kannst es nicht allein. Hilf anderen, damit auch dir geholfen wird.
9. Tu nichts auf Kosten anderer oder zu Lasten nachwachsender Generationen. Sorge nachhaltig dafür, dass das Leben kommender Generationen lebenswert bleibt.
10. Verdien dir deine Lebensqualität - durch Arbeit oder gute Werke: Es gibt nichts Gutes; es sei denn, man tut es.
Grundlagenliteratur
EKD/Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hrsg.): Perspektiven für die Ev. Kirche im 21. Jahrhundert (Impulspapier), Hannover 2006
Hacker, K.: Die Habenichtse. Roman, Frankfurt/M. 2006
Handy, Ch.: Die anständige Gesellschaft ("The Hungry Spirit. Beyond Capitalism - The Quest for Purpose in the Modern World", 1997), München 1998
Opaschowski, H.W.: Der Generationenpakt. Das soziale Netz der Zukunft, Darmstadt 2004
Opaschowski, H.W.: Deutschland 2020. Wie wir morgen leben - Prognosen der Wissenschaft, 2. erweiterte Aufl., Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006
Opaschowski, H.W.: Das Moses-Prinzip. Die 10 Gebote des 21. Jahrhunderts, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2006 - Seit Januar 2007 auch als Hörbuch.
Weitere Informationen unter:
www.opaschowski.de
Soziale Rahmen des Reformprozesses (PDF-Datei 39 KB)

