Podien und Foren
"Von anderen lernen"
Dagmar Reim, Intendantin
Reformation heißt Erneuerung, Umgestaltung. Sowohl Erneuerung als auch Umgestaltung waren schon immer Lebensthemen Ihrer Kirche. Wenn Sie zu Ihrem großen Reformprozess, den Sie hier in Wittenberg anstoßen, Meinungen und Ansichten einer Außenstehenden hören wollen, dann müssten dem, so denke ich, zwei Überlegungen zugrunde liegen.
Zum einen: Was hat sie erlebt, erdacht, erlitten, das uns bevorstehen könnte?
Und zum anderen: Was hält sie von dem, was wir uns vornehmen?
Zu beidem möchte ich heute Abend etwas sagen.
Ich komme vom Rundfunk Berlin-Brandenburg. Dieser ist entstanden aus einer Fusion. ORB, Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg und SFB, Sender Freies Berlin haben im Mai 2003 zum rbb fusioniert. Wir sind jetzt also dreieinhalb, und wenn Sie Dreieinhalbjährige kennen, dann wissen Sie: Die strotzen geradezu vor Lebenslust. Das ist bei uns auch so, aber bis es so weit war, gab es mehr Lebenslast als Lebenslust.
Kurz zur Vorgeschichte unserer Fusion. Der Sender Freies Berlin war das traditionsreiche publizistische Unternehmen. 50 Jahre alt ist er geworden bis zur Fusion, und im ummauerten Berlin war er die starke Stimme einer Stadt in andauernder Herausforderung. Der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg hingegen ist ein Kind der Wende. Er entstand im vereinten Deutschland als publizistische Stimme des neuen Bundeslandes Brandenburg. Zwölf Lebensjahre waren ihm beschieden, ehe es zur Vereinigung kam. Die Mütter und Väter der Senderfusion - und hier sind Politikerinnen und Politiker vorbehaltlos zu loben - hatten erkannt, dass zwei kleine ARD-Sender, achtzehn Kilometer voneinander entfernt, keine Zukunft haben würden. Zu groß die finanziellen Probleme. Zu klein deswegen die Möglichkeiten, dauerhaft gutes und qualitätvolles Programm anzubieten. Das, was die beiden Kleinen erwartet hätte, wäre ein Hungerleider-Dasein im großen ARD-Verbund gewesen. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.
Da das Thema Fusion in diesen Wittenberger Tagen bei Ihnen eine sehr große Rolle spielt, möchte ich unsere Erfahrungen in drei Schritten schildern.
Vorher: Von himmelhohen Erwartungen und abgrundtiefen
Befürchtungen
Im Fusionsprozess: Turbulenzen, Luftlöcher,
Beinahe-Zusammenstöße
nach der Fusion: Im neuen Alltag neue Wege gehen
Vorher: Bei uns spielten - wie bei Ihnen - Zukunftsfragen eine entscheidende Rolle. Die Ausgangslage war: Wir werden es nicht getrennt schaffen, wir müssen es miteinander versuchen. Rückblickend stelle ich fest: Das war die schlechteste Voraussetzung nicht. Fusionen bleiben so lange im unverbindlichen "Wir können auch anders"-Bereich, so lange kein wirklicher Druck entsteht. Bitte unterschätzen Sie bei der Vorbereitung einer Fusion nie die "Früher-war-alles-schöner-und-besser-Fraktion". Sie gewinnt absolute Mehrheiten, sobald klar ist, dass schmerzhafte Konsequenzen unausweichlich sind. Die wilden, ungezügelten Hoffnungen, die sich ebenfalls auf eine Fusion richten, haben damit zu tun, dass viele Menschen glücklicherweise Optimisten sind. Kommen zwei Sender zusammen wie bei uns, sind über Nacht alle wichtigen Jobs doppelt besetzt: Zwei Chefredakteure, zwei Sendeleiterinnen, zwei Ingenieure etc. und jeder, der seinem Beruf mit Herzblut nachgeht, ist sich sicher: Künftig werde ich den Job haben, und nicht mein Kollege, ab heute mein Konkurrent. In dieser Situation können Sie so weise sein wie König David und dennoch gravierende Fehler machen. Sie verteilen Enttäuschungen, Sie verändern Lebenswege, und Sie implantieren Verbitterungen. Das müssen Sie bedenken und dabei nicht allzu intensiv leiden unter allseits bekannten Übelkrähen vom Stamme "Haben wir ja gesagt, dass alles schlechter wird". Denen können Sie es ohnehin nicht Recht machen, und das sollten Sie auch gar nicht erst versuchen.
Im Fusionsprozess ist das Terrain vermint. Jederzeit kann eine Mine hochgehen, und zwar immer dort, wo Sie sie garantiert nicht erwarten. Dass Menschen ihre Traditionen, ihre Rituale, ihre Gewohnheiten brauchen, können Sie bereits an ganz jungen Exemplaren studieren. Als wir einmal unser Wohnzimmer ein wenig umräumten, versuchte unser Dreijähriger unter Tränen, die Stehlampe an ihren alten Platz zurückzuschleppen. Sie stand jetzt falsch, fürchterlich falsch, wie er fand. Wenn Sie die gesamte Lebensarchitektur durch eine Fusion verändern, sind die Widerstände so vielfältig wie der Artenreichtum an Quallen, und die sind ähnlich schlecht zu greifen.
Den Alltag bestimmen plötzlich Klimaverpester, Untersteller, Verleumder, ganz, ganz kleines Karo. Sie werden es nicht für möglich halten, aber die Frage, ob ein Wirtschaftsplan DIN A4 hoch oder DIN A4 quer auszufertigen ist, war zwischen den Vertretern der Hoch- und denen der Querfraktion nicht einvernehmlich zu lösen. Da sich der Kompromiss DIN A3 verbot (zu teuer), musste der Chef entscheiden. Traurig, aber wahr. In Fusionszeiten ist das Gerücht, und sei es noch so abstrus, Ihr täglicher Gegner. Die "hast-Du-schon-gehört"-Wichtigtuer, die Eckensteher und bitteren "die da oben haben sich schon wieder was ausgedacht"-Trommler haben Hochkonjunktur.
Was haben wir in diesen turbulenten Wochen und Monaten getan?
1. Wir waren ehrlich und deutlich. Niemanden haben wir etwas versprochen, was wir nicht hätten halten können.
2. Wir haben den schmerzlichen Abschied von liebgewordenen Traditionen nicht beschönigt.
3. Wir haben versucht, das zu schätzen, was es zuvor in beiden Häusern gegeben hatte. Das ist uns nicht durchgängig gut gelungen.
4. Wir haben die Teams gemischt. Wenn Redaktionen erst einmal zusammenarbeiten, fragt nach acht Wochen niemand mehr: Woher kommst Du, was hast Du früher gemacht?
5. Umzüge haben uns sehr geholfen. Wie erwähnt, liegen beide Standorte, Potsdam-Babelsberg und Berlin-Masurenallee, nur 18 Kilometer voneinander entfernt. Von unseren mehr als 1600 Kolleginnen und Kollegen arbeiten 1000 nicht mehr am selben Ort wie zuvor.
6. Unser schmerzhafter Stellenabbau - 300 von 1600 - vollzieht sich bis heute sozialverträglich, was bedeutet: Ohne eine einzige betriebsbedingte Kündigung. Es hat zwar starke Arbeitsverdichtung in vielen Bereichen zur Folge, geschieht aber ohne jene Verwerfungen, die mit dem Verlust des Arbeitsplatzes einhergehen. Dies gilt für die Festangestellten. Wegen der großen finanziellen Probleme steht heute weniger Geld für freie Mitarbeit als früher zur Verfügung - keine Fusionsfolge, dennoch mit großen Einschränkungen und Konflikten verbunden.
Nach der Fusion haben wir eher die Chancen im Blick als die Risiken. Aus zwei kleinen Sendern - 2 x David - wird nicht Goliath. Das stimmt. Aber in der großen ARD wollen wir schneller und beweglicher sein als andere. Einige Stichworte dazu: Wir haben als erste in unserem Senderverbund leistungsabhängige Lohnbestandteile eingeführt. Wir wagen mehr Programmexperimente als andere. Wir beschäftigen deutlich mehr Frauen in Führungspositionen. Und: Unsere Strukturen sind nicht gusseisern. Wir sind flexibel und stellen uns ein auf die großen Herausforderungen der Konvergenz, also des Zusammenwachsens der elektronischen Medien in der digitalen Welt.
Unsere Fusion beim rbb war - rückblickend gesehen - alternativlos. Sie wollen, habe ich gelesen, die Zahl Ihrer Landeskirchen deutlich reduzieren. Mir scheint auch das alternativlos, wenn Sie das Profil Ihrer Kirche schärfen wollen in der Zukunft. Der Wiener Kongress liegt nun auch schon ein paar Tage zurück, und Kleinstaaterei sollte kein Ziel mehr sein im größer gewordenen Europa. Sie verlieren eine Menge an Organisations-, Koordinations- und Finanzaufwand, wenn Sie mutig sind. Sie verlieren nichts an Nähe in den Gemeinden, wo Sie miteinander leben und glauben. Zusammenarbeit und Fusion in Verwaltung und Organisation schafft neue Freiräume dort, wo sie bitter nötig sind. Gewiss: Fusion darf kein Selbstzweck sein. Aber Ihr wirtschaftlicher Druck ist ähnlich groß wie die Finanznot beim rbb. Und die Frage, ob Sie ein richtig schönes Kirchenamt mit tollen eigenen Mitarbeitern oder finanzielle Möglichkeiten für Ihre Kernaufgaben haben wollen, lässt sich leicht beantworten.
Wenn Sie sich also auf den mühsamen Weg machen, dann müssen Sie um Vertrauen werben. Tagtäglich, ohne müde zu werden. Manchmal habe ich Mühe mit Papiersprache. Ich lese zu häufig die Menschen müssten "mitgenommen" werden. Ich schätze derlei Mitnahme-Effekte gar nicht; Harald Schmidt hat mal gespottet: "Ich fühle mich heute so mitgenommen". Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, gehe ich mit. Freiwillig und gern. Sprache der Kirche ist mir oft zu abstrakt, zu theoretisch, zu sehr über die Köpfe und Herzen hinweggesprochen, zu gestanzt, kurzum: zu unsinnlich.
Ja, Sie müssen in der Kirche und weit darüber hinaus für Ihre gute Sache trommeln. Deswegen unterstütze ich die Aussagen Ihres 9. Leuchtfeuers (S. 85). Themenmanagement und Agendasetting sind zwar ebenfalls zwei Begriffe, die mir - sprachlich gesehen - Schauer über den Rücken jagen (ähnlich übrigens wie "Kundenbindungsinstrumente": Wer Kunden bindet, fesselt auch deren Verstand), aber die Einwände gelten lediglich der Formulierung. Sie haben diese aus Amerika heuschreckengleich über uns gekommene Management-Sprech doch gar nicht nötig. Ja, Sie sollen und müssen Themen öffentlich besetzen, ja, Sie sollten sich darüber verständigen, wie Sie das tun und mit welchen Schwerpunkten. Richtig ist, wie Sie im Papier schreiben, dass Ihre Programmatik mitunter "diffus und uneinheitlich", gelegentlich beliebig daherkommt. Das stimmt und dürfte schwer zu beheben sein.
Sie wissen vielleicht, dass ich katholisch bin, und verständlicherweise schüttelt sich jeder Protestant beim Gedanken an den römischen Zentralismus. Andererseits lerne ich aus Ihrem Papier, dass Sie die schlichte Übersetzung von protestantisch = bei uns darf sich jeder zu allem gern auch öffentlich räuspern, so auch nicht optimal finden. Wie Sie es nicht machen sollten, zeigt momentan eindrucksvoll die ARD, mein Verein, der die übelsten über uns gehandelten Klischees bestätigt, nämlich, ARD sei die Abkürzung für "Alle reden durcheinander". Ich bin gespannt, wie Sie diesen eingebauten Konflikt lösen, weise aber daraufhin, dass Sie einen begnadeten Öffentlichkeitsarbeiter an ihrer Spitze haben. Wäre Bischof Huber Fußballer, stünde Inter Mailand mit einem dicken Geldkoffer vor dem protestantischen Vereinshaus. Sie wissen hoffentlich, was seine Art, protestantische Positionen laut und für jedermann verständlich vorzutragen, wert ist. Aber Sie dürfen und wollen ihn mit dieser Mammutaufgabe nicht allein lassen.
Wo Sie nach meiner Beobachtung perfekt agiert und reagiert haben, ist die causa Ladenöffnungszeiten. In Berlin, wo ich lebe, überbieten sich Politikerinnen und Politiker - auch die der C-Partei - darin, dem Shopping-Gott zu huldigen. Offensichtlich war bislang der - soweit ich informiert bin - lediglich in der amerikanischen Verfassung enthaltene Anspruch der Menschen auf Glück nicht zu verwirklichen, weil man lediglich bis 20:00 Uhr einkaufen durfte. Und sonntags gar nicht. Schluss damit, hieß es in Berlin. Shop until you drop, rund um die Uhr. Die protestantische Gegenstimme erhob sich laut, nachhaltig und nicht ohne Witz. Am besten hat mir ein Plakat Ihrer Kirche gefallen: "Wir haben schon immer Sonntags geöffnet." So muss es sein. Klar, deutlich, unverwechselbar.
Wenn Sie so handeln, ist mir um Ihre Zukunft nicht bange. Schließlich sind Sie (Matthäus 5, 14) die Stadt auf dem Berge. Weithin sichtbar. Mit Strahlkraft. Und keine miese Klitsche im Tal der Tränen.
Alsdann: Avanti, protestanti!

