Texte
Eckhard Naumann
Oberbürgermeister der Lutherstadt Wittenberg
Willkommen daheim! Ich sage das zunächst in einem mehr äußerlichen Sinn (obwohl Innen und Außen bei der Kirche nur schwer zu trennen ist): hier in Wittenberg hat sich 1848 evangelische Kirche in Deutschland zum ersten Mal nach außen sichtbar konstituiert. Der damals gegründete Deutsche Evangelische Kirchentag ist der erste Vorläufer der heutigen EKD.
Daheim ist evangelische Kirche in Wittenberg aber noch in einem tieferen Sinn. So gewiss evangelische Kirche immer auf der Wanderschaft ist und sich seit ihren Anfängen stets unter dem Bild des Wandernden Gottesvolkes aus dem Hebräerbrief verstanden hat, so gewiss brauchen auch evangelische Christen konkrete Orte zur Selbstvergewisserung. Das Impulspapier der EKD "Kirche der Freiheit" nennt neben Wittenberg noch Dresden, Berlin, Halle und Hamburg. Man könnte weitere hinzufügen: Eisenach, Worms, Augsburg, Herrnhut, Hermannsburg und viele mehr. Das sind für Protestanten keine heiligen Orte, zu denen man wallfahrtet. Sie haben aber doch eine herausragende Bedeutung, weil an ihnen geschichtliche Erinnerungen haften, die bis heute zur unverwechselbaren Identität evangelischen Christentums gehören.
In diesem Sinne sind sie Teil des "symbolischen Kapitals des Protestantismus", von dem das Impulspapier spricht. Sie sind Zeichen, Chiffren für eine unsichtbare Wirklichkeit. Das Zeichen ist nicht die Wirklichkeit selbst, aber es kann und darf auch nicht von ihr getrennt werden.
Mit Bedacht habe ich mich damit an eine Formulierung des "Consensus Tigurinus" angelehnt. Johannes Calvin hat wie Luther, aber noch rigoroser als er, betont, dass soli deo gloria, allein Gott Ehre gebührt. Dennoch denke ich, dass auch er zufrieden wäre, wenn er sähe, dass im Protestantismus ohne falschen Kult nicht nur der "Lehrer des Glaubens" von Hebräer 13, sondern auch ihrer Orte gedacht wird.
Sie sind heute zu einem besonderen Anlass hier. Große Ereignisse werfen lange Schatten. Meistens nachdem sie eingetreten sind. Manchmal aber auch schon vorher. Solch ein großes Ereignis ist der 500. Jahrestag des Anschlages von 95 theologischen Thesen zur Frage der Bedeutung kirchlicher Ablässe an die Schlosskirche in Wittenberg durch den Mönch und Theologieprofessor Martin Luther.
Mit der Veröffentlichung der Thesen wurde Martin Luther der deutschen Öffentlichkeit bekannt, und es ist daher sachgerecht, diesen Termin - wie auch er selbst es getan hat - mit dem Beginn seiner Reformation gleichzusetzen.
Das war ein weltgeschichtliches Ereignis mit Auswirkungen bis in unsere Zeit. Auswirkungen nicht nur auf Kirchen und Religionen, sondern auch auf Staat und Gesellschaft, Wirtschaft und Sozialwesen, Kultur und Rechtsprechung, kurz auf alle Felder menschlichen Miteinanders. Nichts blieb, wie es war, und darum ist es auch angemessen, wenn nach einem halben Jahrtausend nicht nur Bilanz gezogen, sondern zusätzlich danach gefragt wird, welche Kraft aus den Anfängen für unsere Zukunft zu ziehen wäre.
Das wollen Sie in dem längeren Prozess einer Reformationsdekade tun. Zu Beginn sind Sie nach Wittenberg gekommen. Eine stürmische Stadt. Wer vor einer Woche hier war, konnte das physisch erleben. Sogar die Schlosskirche hatte Mühe zu widerstehen.
Derartige Orkane sind aber nur laue Lüftchen im Vergleich zu jenem Sturm, den seinerzeit Martin Luther hier ausgelöst hat.
Nun ist unser Wittenberg nur klein unter den Städten in Deutschland, selbst wenn es kürzlich zur drittbeliebtesten gewählt wurde. Es hat auch keine besonders bemerkenswerten Kunstschätze oder einmalige Bauwerke aufzuweisen. Seine innere Struktur entspricht der anderer Kleinstädte.
Schon Luther und seine Zeitgenossen hat es erstaunt, dass ausgerechnet so ein unbedeutender Ort "am Rande der Zivilisation", Originalton Luther, Quellort so großer Ereignisse werden konnte.
Sie vermochten es sich nur so zu erklären, dass der große Gott das ganz Kleine offenbar besonders liebt, denn, so Luther, "wo nichts ist, da kann Gott alles tun". Wie sehr dies auch die Meinung Calvins ist, das habe ich zu Beginn gesagt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für Ihre Beratung die nötige Mischung aus Demut und Mut, damit für uns alle am Ende deutlicher wird, wie protestantische Freiheit im 21. Jahrhundert aussehen könnte.
Hinweis: Es gilt das gesprochene Wort

