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Kirche der Freiheit - eine Reaktion

Präses Pfarrer J.-G. Heetderks, Protestantische Kirche in den Niederlanden

Ganz herzlich möchte ich Ihnen danken für die Einladung, hier aus der Sicht einer europäischen Partnerkirche auf ,Kirche der Freiheit' zu reagieren und - hoffentlich - die Diskussion anzuregen.

Die Synode der Protestantischen Kirche in den Niederlanden hat im Herbst 2005 auch ein Positionspapier verabschiedet. Im Holländischen trägt diese Schrift den Titel ,Leren leven van de verwondering'. Wir haben das - nicht ganz richtig aber doch treffend - übersetzt mit ,Leben aus der Freude des Glaubens'. ,Leren leven van de verwondering' hat in gewissen Sinne einen anderen Charakter als ,Kirche der Freiheit', weil dieses Positionspapier viel kürzer und auf eine andere Art und Weise verfasst ist - gleichzeitig ist es aber sehr auffällig, wie gerade in der Verschiedenheit doch sehr viele Gemeinsamkeiten sichtbar werden. Neben dem Positionspapier ,Leren leven van de verwondering' hat die Synode unserer Kirche auch Beschlüsse gefasst in Bezug auf die Einrichtung des gesamtkirchlichen Dienstes und der kirchlichen Organisation.

Scheinbar hat die Krise unserer Kirche in unserer europäischen Kultur trotz der verschiedenen gesellschaftlichen Kontexte parallele Denkweisen in unseren Kirchen veranlasst. Das ist einerseits eine Bestätigung der eigenen Arbeit, hilft aber gleichzeitig - mit der kritischen Befragung der Position des Partners -, die eigene Position zu hinterfragen.

Zunächst möchte ich einige einleitende Bemerkungen machen zur Krise unserer Kirchen in der West-Europäischen Kultur bevor ich weiter auf den Inhalt unserer Positionen eingehe:

In den letzten drei Jahrhunderten hat sich die Kirche in Europa mit dem Erbe der Aufklärung auseinandergesetzt. Darin hat der zur Freiheit gekommene Mensch diese Freiheit dem freien Gebrauch der Vernunft, der ratio zu danken. Diese Art des Denkens sah man gleichzeitig als höchste Form der menschlichen Entwicklung. Mit anderen Worten: die West-Europäische und die Nord-Amerikanische Kultur sah man als das summum der menschlichen Entwicklung.

In einem solchen Kontext ist der Auftrag der Kirche dann nicht nur die Verkündigung des Evangeliums an diejenigen, die es noch nicht kennen - in diesem Zusammenhang wurde übrigens öfter das Wort "Christianisierung" gebraucht - sondern dieser Auftrag steht auch im Zusammenhang einer Zivilisationsoffensive. Die Welt muss werden wie wir.

Das Bündnis zwischen Mission und Zivilisation hat drei Jahrhunderte lang die Verkündigung der Kirche und vor allen Dingen das Ziel der Mission bestimmt.

Nach den zwei Weltkriegen, die auch das Ende der kolonialen Zeit einläuten, wird im Allgemeinen mit diesem Denken gebrochen. Theologisch wurde dieser Bruch durch die Theologie Karl Barths vollzogen. Außerdem sind Kirche und Theologie in West-Europa in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg sehr stark  beeinflusst durch die ökumenische Bewegung und die Missionsbewegung. Darin wurde eine neue Interpretation des Wortgebrauchs Ökumene (nämlich im Sinne der ganzen bewohnten Welt) verbunden mit einer heilshistorischen und eschatologischen Sicht. Diese heilshistorische-eschatologische Sicht hatte einen starken Impuls bekommen bei der Erscheinung des grundlegenenden Buches von Oscar Cullmann: Christus und die Zeit (Christus und die Zeit: die urchristliche Zeit- und Geschichtsauffassung, Zürich 1946). Nach Cullman muss das Wesen des Neuen Testamentes begriffen werden aus der Perspektive der Geschichte und der Zeit. Im Gegensatz zum griechischen zyklischen Denken läuft die Zeit nach dem Neuen Testament linear und teleologisch.(1)

In den Niederlanden ist dieser eschatologisch-heilshistorische Ansatz vor allem durch Hendrikus Berkhof ausgearbeitet. Das Königreich Gottes wird auf dynamische und teleologische Weise verwirklicht in der Geschichte. In diesem Zusammenhang gebraucht Berkhof bemerkenswerterweise das Wort ,Fortschritt'.

In der ökumenischen Bewegung wird der neue Begriff der Ökumene, der - wie oben erklärt - nicht vor allem die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen sondern die ganze bewohnte Welt, ja sogar den Kosmos meint, verbunden mit dem Christozentrismus der dialektischen Theologie. Jesus Christus ist Herr, nicht nur der Welt, sondern des ganzen Kosmos. Seine Königsherrschaft ist jetzt schon anwesend in den Zeichen des Königreiches. Die Verkündigung der Kirche ist allumfassend: sie richtet sich auf diese Welt und kommt zum Ausdruck in u.a. dem Streit für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Außerdem wir nicht selten das christozentrische Prinzip (Jesus Pantokrator) verbunden mit einer Weltanschauung, in der die westliche Modernisierung und die damit verbundene Säkularisierung als mondiale Zivilisation gesehen wird.(2)

Dietrich Werner schreibt in seiner Forschungsarbeit über die  missionarischen Perspektiven bei dem Weltkirchenrat: ,Die quasi naturhaft gedachte, christologische Gesamtqualifikation der westlichen Fortschrittsgeschichte führt damit (...) zu der Tendenz, dass das Credo des Glaubens und das Credo des westlichen Fortschritts eigentümlich miteinander verschmelzen oder jedenfalls bisweilen ununterscheidbar aneinander zu rücken scheinen."(3) 

Diese sehr kurze - und dadurch wahrscheinlich einseitige - Übersicht kann helfen, um ein schärferes Bild von der Krise des West-Europäischen Christentums zu bekommen.

1. Der Nachdruck  auf das  Element  des  Königreiches  Gottes  als  Kern  und  Stern  der  Verkündigung, - wobei es da vor allem um die immanente und gegenwärtigen Aspekte des Reiches in Zeichen geht - hat zu einer Betonung des Handelns der Kirche geführt (u. a. im Diakonat).

2. Das als progressiv und dynamisch gedachte Kommen des Reiches Gottes, das ein Bündnis einging mit dem westlichen Fortschritt, konnte der Säkularisierung keinen Widerstand leisten. Im Gegenteil - die Säkularisierung wurde in diesem Denken gerade als eine Frucht der kirchlichen Verkündigung gesehen.

3. Die christologische Konzentration, die einen solch wichtigen kritischen Impuls an die Erneuerung der Kirche gegeben hatte, wurde im Grunde kalt gestellt. In seiner Analyse der theologischen Entwicklung in ökumenischer Perspektive macht Konrad Raiser folgende scharfe Bemerkung: "Je universaler die geschichtstheologischen Entwürfe wurden, desto blasser und formaler wurde zugleich die Berufung auf das christologische Zentrum".(4)

Es ist auffällig, dass sowohl die EKD als auch die Protestantische Kirche in den Niederlanden in ungefähr derselben Zeit mit einer Studie über die Positionierung der Kirche kommen. Auffallend ist auch, dass manche Sätze in den beiden Papieren einander beinahe wortwörtlich gleich sind (man könnte ein nettes Quiz mit Zitaten organisieren). Doch ist es  vielleicht auch nicht so auffallend, dass beide Positionen einander so ähneln; wir teilen schließlich dasselbe theologische Erbe und wir sind mehr und mehr Teil unserer Kultur geworden. Wir erleben beide die Krise unserer Kultur und der Kirche. Wir müssen uns beide mit den Folgen der gerade genannten Entwicklungen, mit den Folgen der Säkularisierung, des Modernismus und des Postmodernismus auseinandersetzen.

In beiden Schriften wird gesprochen über Wachstum gegen den Trend. Ich kenne natürlich nicht so viele Reaktionen auf 'Kirche der Freiheit'. Aber gerade die Bemerkungen in unserem Papier über Wachstum gegen de Trend haben uns als Moderamen in den Niederlanden viel Kritik gebracht. Uns wurde gesagt, dass wir die Wirklichkeit nicht ernst nehmen und mit Worten verschönern. Es wurde gesagt, dass unser Papier ,Pfeifen im Dunkeln' sei. Das muss ich erklären, denn das ist ein holländischer Ausdruck: Jemand der im Dunkeln pfeift, hat Angst vor dem Dunkel. Er will das aber nicht zeigen und darum pfeift er ein Lied. (Ich bin mir nicht sicher ob der Ausdruck ,Pfeifen im Keller' das Gleiche meint).

Auf den ersten Blick haben die Kritiker vielleicht auch wohl recht. Man muss die Frage stellen, ob wir mit unseren Positionen die Krise wirklich ernst genug nehmen.

In den Niederlanden haben wir das sog. ,Sociaal Cultureel Planbureau'. Das ist ein wissenschaftliches Institut der Regierung, das gesellschaftliche Trends untersucht. Kürzlich erschien ein Bericht über religiöse Veränderungen in den Niederlanden. Ich zitiere einige Ergebnisse der Untersuchungen: Im Jahr 2020 werden 72 Prozent der niederländischen Bevölkerung nicht mehr mit einer Kirche verbunden sein (dieser Prozentsatz gilt übrigens jetzt schon für Jugendliche). Die Niederlande werden auf Dauer ein ,Land von Nicht-Kirchlichen' sein mit nur noch zwei umfangreichen Kirchen oder religiösen Gruppen: Römisch-Katholischen und Muslime - so prophezeien die Untersucher ,mit einiger Vorsicht'. Neben diesen zwei Gruppen wird es nach ihren Angaben noch ,eine substantielle Gruppe von kleinen Gemeinschaften und Überzeugungen' geben, die sehr unterschiedlich sind. ,Der organisierte Protestantismus kann zu dieser Gruppe gerechnet werden oder aber auch noch von ihr unterschieden werden.'

Die Niederlande sind in den letzten Jahrzehnten sehr schnell ent-kirchlicht. Und obwohl das Tempo in den letzten Jahrzehnten abgenommen hat, ,scheint von einem umgekehrten Trend keine Sprache zu sein', sagt der Bericht des ,Sociaal Cultureel Planbureau'. Nannten sich in 1958 nur 24 Prozent der niederländischen Bevölkerung nicht-kirchlich, war 2004 der Prozentsatz auf 64 Prozent gestiegen. Das bedeutet, dass sich inzwischen 2/3  der Niederländer nicht-kirchlich nennen.

1967 gingen noch 67 Prozent der Kirchenmitglieder regelmäßig zur Kirche; 2004 war der Prozentsatz auf 38 Prozent gesunken. 1960 rechneten sich noch mehr als 30 Prozent zu einer der evangelischen Kirche - in 2020 - so die Vorhersage - werden das noch 4 Prozent sein.

Und doch sprechen wir in unserer Schrift über Wachstum. Nicht um unsere Unsicherheit über die Zukunft zu überschreien, sondern aufgrund der Kraft des Wortes Gottes, das uns geschenkt ist. Wir glauben, dass der Reichtum der evangelischen Tradition (sola scriptura, sola fide, sola gratia) auch heute Menschen ansprechen kann und wird.

Die ernsteste Kritik an unserem Positionspapier, die auch der ,Kirche der Freiheit' gemacht werden kann, ist, dass beide den Eindruck wecken, die Kirche wäre ,machbar', ganz und gar zu gestalten. Unsere Schriften atmen den Geist notwendiger Veränderungen in der Kirche. Denn wir glauben zwar in die Kraft des Wortes (so unser Positionspapier) und wir finden zwar, dass "wo evangelisch draufsteht, auch Evangelium erfahrbar sein sollte", aber das ist eben eine gewünschte Situation. Es ist noch nicht so. Und darum muss sich sehr viel ändern. Und gerade an dem Punkt sind an unsere Positionen kritische Fragen zu stellen. Zum einen: Wir können die Organisation ändern, aber nicht die Herzen der Menschen. Zum andern: Wir wollen eine geistliche Veränderung, aber wir fangen an mit Veränderungen in der Organisation und Politik der Kirche. Wir reden also vor allem über die Kirche, wo es uns zutiefst um das Evangelium geht. Luthers Reformation der Kirche hat nicht angefangen mit Vorschlägen zu Veränderungen in der Kirche, sondern mit der erneuten Entdeckung des Wortes, mit der erneuten Entdeckung von Jesus Christus. Das war die Botschaft, die Millionen in Europa neue Hoffnung gab. Unser Problem heutzutage ist, dass es in dieser postmodernen Zeit sehr schwer ist, eindeutig zu sprechen. Es gibt immer wohl jemanden, es gibt immer wohl Gruppen, die sofort sagen oder rufen, dass sie anders darüber denken. Die Gefahr ist groß, dass wir darum letztendlich nicht mehr miteinander reden können über das Zentrum des Glaubens sondern nur noch über Veränderungen des Kurses der Kirche.

Die Kirche lebt aus der Epiklese. Veni Creator Spiritus. Die Kirche fängt nicht bei uns an und wird nicht gerettet durch Positionspapiere, aber ist allererst Gabe des heiligen Geistes. Auch wenn wir unsere Positionen und den vorgeschlagenen Kurs als das Gebot der Stunde sehen, werden wir uns immer wieder daran erinnern lassen müssen, dass das Gebot auch immer begleitet sein muss vom Gebet.

Das bedeutet nun gar nicht, dass wir uns als Kirche schämen müssen, wenn wir die Kenntnisse z.B. in Beziehung auf modernes Management gebrauchen. Im Gegenteil. Es ist gut, den Kirchenbetrieb auch mal mit Sachlichkeit und Nüchternheit zu betrachten. Und wenn Erkenntnisse und Begriffe aus der Welt des modernen Managements dabei helfen können, dann finde ich das prima. Denn wir haben als Kirche - ob wir es nun wollen oder nicht - auch die Struktur eines Betriebes. Kein einziger Betrieb kann es sich leisten, die Betriebspolitik unverändert fortzusetzen, wenn die Absatzzahlen so dramatisch sinken wie es in der Kirche der Fall ist.

Manchmal können Entwicklungen sehr schnell stattfinden. Die Aufmerksamkeit in den Medien für die Kirche ist in Deutschland viele Male größer als in den Niederlanden. Die Kirche ist ein nicht zu übersehender, geschätzter gesellschaftlicher Faktor. Eine solche Situation kennen wir in den Niederlanden inzwischen nicht mehr. War vor ungefähr vierzig Jahren der volkskirchliche Charakter der ,Nederlanse Hervormde Kerk' (eine der drei Kirchen, die in de Protestantische Kirche aufgegangen sind) trotz Mitgliederverluste noch gut sichtbar - inzwischen ist die Kirche in den Niederlanden im Grossen und Ganzen eine tolerierte Minderheit geworden. Es ist in vielen Fällen nicht so, dass in Kreisen von Regierung und Politik oder anderen gesellschaftlichen Akteuren die Kirchen als ein möglicher Bündnispartner gesehen werden in Bezug auf die Beantwortung gesellschaftlicher Fragen oder Überwindung gesellschaftlicher Probleme. Das ändert sich zwar wieder etwas, aber hat nach meiner Auffassung eher mit der Angst vor dem fundamentalistischen Islam zu tun und mit der Entdeckung, dass Religion nicht so einfach aus dem öffentlichen Leben wegzudenken ist als mit einer wirklichen Offenheit für die Kirche. Meine kritische Frage an ,Kirche der Freiheit' ist dann auch, ob die Gefahr der möglichen Marginalisierung der Kirche in Deutschland auch wirklich gesehen wird. Wenn sich die Mitgliederzahlen der Evangelischen Kirche - was ich wirklich nicht hoffe - entwickeln in die Richtung, die in ,Kirche der Freiheit' angegeben werden, bleibt dann in der deutschen Gesellschaft trotzdem die Offenheit und Sympathie für die Kirche, die in ,Kirche der Freiheit' unterstellt wird?

In Deutschland spielt - wie gesagt - die Kirche in vielen gesellschaftlichen Bereichen eine viel größere Rolle als in den Niederlanden. Das Betreiben von z.B. Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern oder auch die vielen Tätigkeiten im diakonischen Bereich sind zum großen Teil in den Niederlanden, die keine Kirchensteuer kennen, vom Staat übernommen. Das bedeutet, dass die Kirche in Deutschland und damit auch der Protestantismus großen - vielleicht sogar unverhältnismäßig großen - Einfluss hat auf allerlei gesellschaftlich Segmente. Das bietet Chancen. Es berührt mich, wenn in diesem Zusammenhang gesagt wird, dass "Das Evangelium und die Menschen, der entscheidende Schatz der Kirche sind." Das gilt auch umgekehrt: persönliches Interesse der Kirche für den individuellen Menschen ist sehr wichtig. In den Niederlanden kennen wir die Aktion ,Kerkbalans', eine jährliche, Kirchengrenzen überschreitende Aktion, die deutlich machen muss, wie wichtig es ist, die Kirche (freiwillig) finanziell zu unterstützen. Aus neueren Untersuchungen, die sich darauf gerichtet haben, diese Aktion weiter zu professionalisieren, kommt hervor, dass auch sogenannte ,Randkirchliche' bereit sind, die Kirche finanziell zu unterstützen, wenn der persönliche Kontakt weiter geht als die Frage nach Geld.

Das Interesse der Kirche für den individuellen Menschen hat ein Ziel: "Aufgabe der Kirchen ist es, Menschen zu helfen, ihren Weg zu (...) Lebensgewissheit und zum Vertrauen auf die Güte Gottes zu finden." (Kirche der Freiheit, S. 32)

Das ist der Grund, dass die Protestantische Kirche in den Niederlanden sich dafür entschieden hat, ,nahe bei den Menschen zu sein'. Unsere Struktur war bis vor kurzem so, dass die Landeskirche regional Dienste anbot für die Gemeinden. Jede Region hatte ein eigenes Büro, das die Gemeinden unterstützte. Anstatt dieser regionalen Büros haben wir uns jetzt für den Gemeindeberater entschieden, der die Gemeinden beraten soll, vor Ort Kurse geben soll usw. Wir hoffen, dass der gesamtkirchliche Dienst so näher an die Gemeinden kommt. Denn die Gemeinden und die Gemeindeglieder sind das Herz der Kirche oder - so wie in ,Kirche der Freiheit' gesagt wird - ,der entscheidende Schatz' der Kirche.

Die Feststellung, dass die Menschen ,der entscheidende Schatz' der Kirche sind, ist außerdem Ausdruck der wichtigen reformatorischen theologischen Erkenntnis der Priesterschaft aller Gläubigen. Das bedeutet auch, dass Nachdenken über kirchliche Organisation und Management zwar sehr wichtig ist, aber dass es im Grunde um die Hingabe und das Commitment der Mitglieder und der hauptamtlichen Mitarbeiter der Kirche geht. Was auch immer zu sagen ist über Kirche und Theologie, die Frage der Beziehung zu und der Gemeinschaft des individuellen Menschen mit dem Herrn der Kirche ist letztendlich entscheidend.

In diesem Zusammenhang ist mir die Aussage über die Mission der Kirche aus dem Herzen gegriffen: "Eine missionarische Ausrichtung wird auch nicht mehr ausschließlich mit evangelistischen Verkündigungsformen gleichgesetzt. Vielmehr wird Mission als glaubenweckendes Ansprechen der Menschen in der eigenen Gesellschaft als Aufgabe der ganzen Kirche anerkannt, die in allen kirchlichen Handlungsfeldern zur Geltung kommen muss." (S. 18) Einerseits ist Mission daher dasjenige, das von den Menschen ausgeht (in eigenen Worten: der eine Bettler erzählt dem anderen Bettler, wo es Brot gibt); andererseits ist das Wesen der Kirche selber missionarisch. Und damit wird eigentlich der Wahlspruch des Missiologen Hendrik-Kraemer neu aktualisiert: "Die Kirche ist missionarisch oder sie ist nicht Kirche." Die Kirche ist Kirche für die Welt. Für die Missionsbewegung kann die Kirche als Institut zwar sehr wichtig sein - z.B. durch Bildungsarbeit, durch das Organisieren vom Glaubensgespräch (noch eine deutliche Übereinkunft zwischen unseren Positionen), die eigentliche Bewegung der Mission sind aber die ,normalen' Gemeindeglieder, die in ihrem Handeln und Reden ihre Beziehung zu Jesus Christus bezeugen.

Die weitaus wichtigsten Fragen würde ich an "Kirche der Freiheit" stellen in Bezug auf die Analyse und Deutung der gegenwärtigen Situation. Es heißt, dass sich "in unserer Gesellschaft ein neues Interesse und eine neue Sensibilität für religiöse und christliche Traditionen und Lebensweisen beobachten (lassen)." (S. 12). Dieses wird weiter ausgearbeitet unter der Überschrift: "Die gesellschaftliche Situation ist günstig." (S. 14)

Diese Hoffnung scheint bestätigt zu werden durch einen Bericht des Wissenschaftlichen Rates für die Regierungspolitik "Glauben im öffentlichen Raum", der im letzten Monat in den Niederlanden erschien. In diesem Bericht wurde festgestellt, dass Religion in der niederländischen Gesellschaft immer wichtiger wird und dass die Säkularisationsthese nicht länger adäquat ist.

Wenn wir darin jetzt sofort eine Chance für die Kirche entdecken, möchte ich dabei kritische Fragen stellen. Die erste Frage dabei ist, ob wir diese Art Analysen wohl genug vom postmodernen Lebensgefühl her interpretieren. Der postmoderne Mensch ist gegenüber den ,großen Geschichten', den Ideologien, den Glaubenslehren misstrauisch geworden und weist diese ab. Hinzu kommt ein großes Misstrauen gegenüber Institutionen, auf jeden Fall in den Niederlanden.

Ich weiß zwar von hoffnungsvollen Experimenten in der Kirche, gerade mit dem ,postmodernen Gottsucher' in Kontakt zu kommen und ich will diese Experimente auch von Herzen unterstützen und die Erfahrungen ernst nehmen, aber ich meine, dass auch eine kritische Betrachtung des postmodernen religiösen Interesses nicht völlig ausbleiben sollte. Ich weiß, dass es übertrieben ist, dass ich vielen Menschen vielleicht auch nicht recht tue, aber ich möchte - um die Diskussion schärfer zu bekommen- folgenden Gedanken vorlegen:

Der postmoderne Mensch ist zwar ein religiöses Wesen, aber er sucht nicht die Wahrheit, sondern er sucht seine Wahrheit.

Wahrheit ist das, was er als Wahrheit erlebt. Die Wahrheit muss passen in das moderne Lebensgefühl, wobei der Mensch sich vor allen Dingen gut fühlen will. ,Cocooning' ist das englische Wort, das das Gerichtet-sein auf das eigene Wohlbefinden gut ausdrückt. Der postmoderne Mensch möchte nicht gestört werden durch all zu kritische Anmerkungen zu Lebensstil oder Erwartungen - er möchte lieber eingebettet sein in ein Gefühl des Wohlbehagens und dabei nicht zu viel durch die Außenwelt gestört werden. Religion ist dabei zwar sehr wichtig, aber mehr als Garantie für das eigene Wohlbefinden. Darum sucht er sich seine eigene Wahrheit. Er ist ein ,Zapper': er spürt gleichsam auf allen religiösen und nicht-religiösen Kanälen und stellt sich so sein eigenes Lebens-Programm zusammen. In den Niederlanden sind die Bücherregale in den Buchhandlungen mit esoterischen Titeln in den letzten Jahren stets größer und voller geworden. "Entdecke Dich selber" oder "Entdeckungsreise in das eigene Innere" sind im Allgemeinen die Titel. Auffällig ist z.B. dass das Buch ,Der Da Vinci-Code' als Fiktion verkauft wird, aber Untersuchungen haben gezeigt, dass es viele Menschen als ein Buch lesen, das über die Kirche geht, die den Menschen die echte Wahrheit vorenthält und sie so ihres Glückes beraubt.

Nochmals - ich weiß, dass das jetzt etwas übertrieben ist. Ich weiß, dass ich damit vielen Menschen Unrecht tue. Aber ich möchte damit betonen, dass die gesellschaftliche Situation dann vielleicht günstig sein mag für die Religion, aber dass es doch sehr die Frage ist, ob Menschen sich auch ansprechen lassen wollen durch das Evangelium, das uns auch gegen den Strich gehen kann. Es ist sinnvoll, um hierbei erneut die kritische Position Karl Barths gegenüber der Religion in Betracht zu ziehen.(5) Das darf aber - wie schon gesagt- nicht bedeuten hoffnungsvolle Experimente und guten Erfahrungen damit vom Tisch zu fegen.

Außerdem müssen wir uns auch vergegenwärtigen, dass das Postmoderne eine starke fragmentisierende Tendenz in sich trägt. Pluralismus ist nicht nur positiv (die so gerühmte Vielfalt und Vielfarbigkeit) - Pluralismus kann auch lähmend sein. Wie gehen wir diesbezüglich mit den großen Herausforderungen um? Auch das könnte eine Herausforderung sein, die unser eigenes Wesen als Kirche betrifft - vor allem als evangelische Kirche. Der Protestantismus trägt auch immer die Gefahr in sich zu fragmentarisieren. Der Lehrsatz Calvins, dass die Kirche da ist, wo das Wort verkündet wird und die Sakramente bedient werden, hat einerseits für eine weitgehende Kontextualisierung gesorgt, ist  aber gleichzeitig die Ursache gewesen für eine Unzahl von Abscheidungen und sich wiederholenden Brüchen. Könnte vielleicht gerade der Protestantismus, der gerade in diesen Fragen Erfahrung hat mit der manchmal lähmenden Verschiedenheit, der Gesellschaft einen Dienst beweisen durch ein Angebot, das einerseits die Vielfalt würdigt, aber gleichzeitig die Einheit voran stellt?

Ich stelle diese kritischen Fragen mit Absicht am Ende meines Beitrages, weil ich das Gefühl habe, dass wir gerade an diesem Punkt in unsern Kirchen das Gespräch führen sollten. Die Positionspapiere der EKD und der Protestantischen Kirche in den Niederlanden zeigen meines Erachtens, dass wir - trotz der verschiedenen Kontexte - viel gemein haben und viel voneinander lernen können.

Mehr denn je brauchen  wir einander als Kirchen in unserm Europäischen Kontext, um neu zu lernen, was es bedeutet (ich zitiere) "auf Gott zu vertrauen und das Leben zu gestalten" - und zwar auf eine solche Art und Weise, dass wir den Menschen wieder "eine geistliche Heimat geben."


Fußnoten:

(1) "Der Weg geht zunächst von der Vielheit in progressiver Reduktion zum Einen, und von diesem Einen, der die Mitte darstellt, zurück zur Vielheit: von der Schöpfung zur Menschheit,  von der Menschheit zu Israel, von Israel zum ,Rest', vom ,Rest' zum Inkarnierten; und nun vom Inkarnierten zu den Aposteln, von den Aposteln zur Kirche, von der Kirche zur Welt und zur neuen Schöpfung." Zitiert bei L. Wiedenmann, Mission und Eschatologie, eine Analyse der neuen deutschen evangelischen. Missionstheologie, Paderborn, 1963, 48.

(2) Dietrich Werner, Mission für das Leben - Mission im Kontext, Ökumenische Perspektiven missionarischer Präsenz in der Diskussion des ÖRK 1961-1991, Rothenburg, 1993, 99; vgl. 89-120, 149.

(3) Ibidem, 99.

(4) Konrad Raiser, Ökumene im Übergang, München, 1989, 81.

(5) Der wichtigste Teil des Denkens von Barth über die Religion an sich ist zu finden in KD I,2, § 17, 304-397. Der Titel dieses zentralen Paragraphen ist ausrucksvoll: Gottes Offenbarung als Aufhebung der Religion. Bei Barth steht nicht nu die Wirklichkeit, sondern auch ihre subjektive und objektive Möglichkeit unter der Herrschaft Gottes. Das menschliche Vermögen religiös zu sein drückt sich in der Religion des Menschen aus. Diese Religion ist aber die durch den Menschen gegriffene Möglichkeit auf Selbstrechtfertigung und Selbstheiligung. Von der Offenbarung her kommt daher das Urteil über die Religion: sie ist Unglaube. "Religion ist eine Angelegenheit, man muss geradezu sagen: die Angelegenheit des gottlosen Menschen."  (Ibidem, 327) Es ist wichtig, dass wir realisieren, dass dieses harte Urteil Barths über die Religion, allererst der Kirche gilt.

Kirche der Freiheit - eine Reaktion (PDF-Datei 50KB)

Perspektivpapier der Niederländischen Kirche (PDF-Datei, 2.8 MB)

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Publikationsdatum dieser Seite: Dienstag, 15. Mai 2012 11:53