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Laudatio zur Vergabe des Hanna-Jursch-Preises an PD Dr. Regina Sommer

Helga Kuhlmann, Universität Paderborn

"Von der Bereitung zum Leben - Impulse für eine Theologie und Praxis der Kindertaufe unter Einbeziehung der Elternperspektive"

Der Rat der EKD zeichnet die Arbeit "Von der Bereitung zum Leben - Impulse für eine Theologie und Praxis der Kindertaufe unter Einbeziehung der Elternperspektive" von Dr. Regina Sommer mit dem Hanna-Jursch-Preis aus. Dieser Preis in Höhe von 5000 Euro wird alle zwei Jahre für herausragende wissenschaftlich-theologische Arbeiten aus der Perspektive von Frauen vergeben. In diesem Jahr stand er unter dem Motto "Kirche in Zukunft". Heute wird der Preis zum fünften Mal vergeben. Bevor ich die Arbeit selbst vorstelle, möchte ich einige Worte zum Preis sagen.

Mit dem Hanna-Jursch-Preis zeigt sich die EKD in ihrem evangelisch-theologischen Profil und in ihrer Ausrichtung auf die Zukunft. Denn im Gottesverhältnis, in der christlichen Gemeinschaft in jeder Hinsicht, wie in der Gemeinschaft der Menschen sehen wir beide Geschlechter in vollem Maß gleich gestellt. Diese theologische Erkenntnis ist erst im vergangenen Jahrhundert in der evangelischen Theologie und in den evangelischen Kirchen im Unterschied zur römisch-katholischen und zu orthodoxen Kirchen in ganzem Umfang deutlich geworden. Dass die evangelische Kirche die Geschlechter auch im Amt gleich stellt, lässt Angehörige anderer Konfessionen und anderer Religion mit Hoffnung auf Veränderungen in ihren eigenen Gemeinschaften auf die evangelischen Kirchen schauen. In der Evangelischen Kirche sollten wir wert schätzen, was wir hier erreicht haben, und wozu wir beauftragt sind, noch weiterzukommen, nämlich in der theologischen Wissenschaft und in den Kirchen Frauen und Männer in allen Bereichen gleich zu stellen. Das bedeutet keineswegs ausschließlich Frauenförderung, sondern in hohem Maß auch das Bemühen um Männer, insbesondere in allen Bereichen der Bildung, der Pflege und der Fürsorge. In jedem Fall bedeutet es eine Aufmerksamkeit auf Geschlechterfragen, Gendersensibilität. Diese Aufmerksamkeit beginnt zwar oft bei den Zahlen, aber nachhaltig kann sie erst in der Analyse und in der gendersensiblen Orientierung von Wertvorstellungen, von  Menschenbildern und auch von Gottesvorstellungen entwickelt werden.

Der Hanna-Jursch-Preis wird in diesem Jahr für eine Arbeit zur Tauftheologie und zur Taufpraxis vergeben, die die kurhessische Pfarrerin und Marburger Privatdozentin Dr. Regina Sommer verfasst hat. Die Arbeit verknüpft auf überzeugende Weise tauftheologische Inhalte des Neuen Testaments, aus der Theologiegeschichte und der Gegenwart mit dem Taufverständnis von Eltern, die ihr Kind taufen lassen wollen. In ihre detaillierte Analyse der Interviews von Vätern und Müttern, die kirchenfern sind, nimmt sie genderbewusste pastoraltheologische Überlegungen auf. Dabei korrigiert sie eine verbreitete Annahme über die Einstellung dieser Personen zur Taufe grundlegend. Denn keineswegs zeigt sich, dass die kirchenfernen Taufeltern wenig ernsthaft Theologisches von der Kirche erwarten. Vielmehr haben diese weit höhere Ansprüche als ein inhaltsleeres hübsches Ritual zu feiern.

Diesen Eltern ist nämlich bewusst, dass das Leben ihres Kindes, ihr eigenes Leben und ihre elterlichen Beziehungen zum Kind stets gefährdet sind. Nicht wenige Mütter und Väter haben in der Zeit, bis das Kind geboren war und bis zur Taufe, ernsthafte Krisen erfahren, dazu gehören auch Fehlgeburten und Beziehungsprobleme. Sie suchen nach einer Tauftheologie, die auf die in der Zeit der Schwangerschaft und der ersten Lebenszeit des Kindes entstandenen Fragen antworten kann. Sie sind offen dafür, dass im Taufgottesdienst nicht nur ein allgemeiner göttlicher Segen erteilt wird, sondern dass die Taufe als Zusage göttlicher Rettung des Kindes aus tiefster Bedrohung erkennbar wird. Von sich aus hoffen sie, in der Kirche eine persönliche Begleitung zu finden. Diese Erwartung und das Zutrauen werden bestärkt, wenn sich Pfarrerinnen und Pfarrer in ihren Gesprächen mit den Eltern Zeit nehmen und die Lebensgeschichten der Kinder und der Eltern  mit tauftheologischen Deutungen verbinden. All das dokumentiert die Arbeit Regina Sommers im methodologisch sorgfältigen interpretierenden Nachvollzug von Interviews.

Daher kann die Arbeit alle bestärken, die in Kirchen und Schulen, in Kindergärten und Bildungsstätten theologisch und religionspädagogisch arbeiten. Menschen, die kirchenfern sind, die sogar aus der Kirche ausgetreten sind, trauen der Taufe mehr zu als viele bisher angenommen haben. Hier können wir anknüpfen, im Dialog mit ihnen eine anspruchsvolle und zugleich lebensgeschichtlich konkretisierte Theologie zu entwickeln. Die Arbeit regt dazu an, in der theologischen, der religionspädagogischen und der diakonischen Arbeit die Erinnerung an die eigene Taufe im Leben aller Getauften zu bilden und zu pflegen. Sie weist der Kirche einen Weg in die Zukunft, indem sie sich denen zuwendet, die in Zukunft Kirche sind, den Kindern, die getauft werden, sowie denen, die diese Kinder als Väter und Mütter, Patinnen und Paten begleiten. Sie ermutigt die Kirche und die Theologie, kirchenferne Personen als wichtige Gesprächspartner in und mit der Kirche verstärkt zu würdigen. Mit ihnen ins Gespräch zu kommen, wird eine gerade in Zeiten abnehmender Kirchenmitgliedschaft zentrale Aufgabe bleiben und werden.

Es gilt das gesprochene Wort!